Der aktuelle Lesetipp

Welches Buch hat uns gefallen, inspiriert, zum Nachdenken angeregt?

Eine Rezension von Friedemann Schulz von Thun

Als Coach, Trainerin oder Führungskraft sollten wir hin und wieder ein gutes Fachbuch lesen. Aber noch schöner kann es sein, wenn wir einen Roman finden, der lehrreiche Einsichten und Anregungen für unsere Berufsrolle enthält. Kennen Sie solche Romane? Irvin Yalom ist immer einen Geheimtipp wert, er nennt seine Romane selber „Lehrromane“. Aber heute möchte ich hinweisen auf

Kazuo Ishiguro: „Was vom Tage übrig blieb“ (Heyne 2016)

Gut, dass es den Literatur-Nobelpreis gibt, sonst wäre ich wohl kaum auf Ishiguro, einen in England lebenden japanischen Schriftsteller, aufmerksam geworden. Auch hätte ich mich ganz gewiss nicht für das Dasein eines englischen Butler in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts interessiert. Aber es ist ein besonderer Butler, um den es hier geht. Seine berufliche Rolle wird ihm zum Lebensschicksal. Und die Frage „Was macht die Rolle mit mir und was mache ich aus meiner Rolle?“ ist für uns heute ebenfalls unausweichlich und spannend.

Dieser Butler stellt sich explizit, ernsthaft und tiefgehend die Frage „Was macht einen großen Butler aus?“ und kommt in seinen Reflexionen zu dem Ergebnis, dass es etwas Wesentliches gibt. Und dieses Wesentliche findet sich nicht in Äußerlichkeiten wie Eloquenz, Redegewandtheit, Allgemeinwissen oder dialektfreier Aussprache. Ich bin der Meinung, dass unsere Generation sich viel zu sehr mit der Garnierung beschäftigt; weiß der Himmel, wie viel Zeit und Energie in das Üben von Akzent und Eloquenz geflossen sind… (Zitate jeweils in kursiv). Das seien Attribute, die zweifellos ihren Reiz haben, wie Zuckerguss auf einem Kuchen, aber nicht zu dem zählen, was wirklich wesentlich ist.

Aber was ist das Wesentliche? Lohnt es sich, diese Frage zu stellen – egal ob man Bundeskanzlerin oder Lehrer, Führungskraft oder Coach, Ärzte oder Stewardess ist? Ich meine ja, auch und gerade dann, wenn wir zu anderen Ergebnissen kommen als unser Butler. Sein Resultat: Es geht um Würde. Dass ein Butler von einer mit seiner Position in Einklang stehenden Würde beseelt ist. Und er gibt sich nicht zufrieden mit diesem ehrwürdigen Begriff, der im siebenten Himmel der semantischen Abstraktion beheimatet ist: Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle zu erläutern, wie ich „Würde“ definiere. Und anhand von wahren Geschichten erzählt er, wie sich große Butler“ (zum Beispiel sein Vater) in herausfordernden Situationen verhalten haben – das sei hier nicht vorweggenommen. Und diese Art von Würde – ist das etwas, was man entweder hat oder nicht? Unser Butler ist überzeugt, dass diese Würde etwas ist, wonach man seine ganze Karriere über streben sollte, sie könne in vielen Jahren der Selbstschulung und des sorgsamen Verwertens von Erfahrungen erlangt werden.

Nun sind wir alle keine Butler und wollen wohl auch keiner werden. Was ist in unserem Beruf das Wesentliche? Carl Rogers hatte seine Antwort gefunden, was die Berufsrolle des Gesprächspsychotherapeuten angeht: Es sei diese Zaubermischung aus Wertschätzung, Empathie und Ehrlichkeit, die eine heilende Beziehung stifte. – Tja, und wie würden Sie die Frage als Trainerin oder als Coach oder als Führungskraft beantworten?

Was macht die Rolle mit dem Menschen und was macht der Mensch aus seiner Rolle? Bei unserem Butler geschieht etwas, was er selbst nicht, aber was wir als tragisch empfinden würden. Sein Ideal macht etwas mit ihm: Die großen Butler sind groß aufgrund der Fähigkeit, ihre berufliche Identität bis zum Äußersten auszufüllen und in ihr zu leben – und das Verbergen seiner wahren Gefühle ist dabei essenziell. Da die Rolle aber rund um die Uhr auszufüllen ist, blieb vom Tage nicht viel übrig – und vom Leben auch nicht. Als er nach vielen Jahren und Jahrzehnten doch einmal eine private Regung in sich verspürt und gelten lässt, da ist es zu spät – und die existenzielle Traurigkeit, die der Held darüber unterdrückt, erfasst den Leser dafür umso mehr, und wahrscheinlich die Leserin auch.

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