Gelassener reagieren mit dem „grünen Ohr“

Kommunikations-Impulse für den Alltag

Mit kurzen Beiträgen unerer Instituts-Kolleginnen und -Kollegen zu Themen rund um die Kommunikationspsychologie möchten wir Sie zum Nachdenken anregen und Impulse geben.

Ein Impuls von Kathrin Zach

Es gibt Situationen, die sollte man, wenn irgend möglich, meiden. Dazu gehört, eine ganz bestimmte kleine Seitenstraße in Hamburg zum Schulschluss zu durchfahren. Diese Straße hat 3 Besonderheiten. Zum einen ist sie schmal, zwei Autos können knapp aneinander vorbeifahren. Das geht allerdings nur, wenn keine weiteren Wagen auf der Straße parken. Dies ist jedoch häufig der Fall, da – Besonderheit Nr. 2 – sich in dieser Straße eine Grundschule befindet und viele Eltern zum Schulstart und Schulschluss ihr Auto in zweiter Reihe parken, um ihre Kinder hinzubringen und abzuholen. Und zu guter Letzt gibt es in der Mitte ein Nadelöhr, eine Verengung der Straße, so dass an dieser Stelle jeweils nur ein Auto zurzeit fahren kann. Ganz genau: Das sind erfolgversprechende Aussichten für ein regelmäßiges Verkehrschaos. Neulich war ich mittendrin. Meine Kinder – auch sie besuchen diese Schule – saßen mit im Auto, und wir hingen fest. Es tat sich gar nichts mehr. Nach einer gefühlten Stunde und real 20 Minuten Millimeterarbeit erreichten wir irgendwann das Nadelöhr in der Mitte der Straße, und irgendwann ergab sich die Möglichkeit, es zu passieren. Danach hingen wir sogleich wieder fest, nun erneut mit einem Auto neben uns in entgegengesetzter Fahrtrichtung. Der Fahrer dieses Wagens wendete sich mir zu und fing an, für mich völlig überraschend, mich lautstark zu beschimpfen. Das Repertoire und auch die Lautstärke seiner Kraftausdrücke waren beeindruckend. Meine Kinder beobachteten das Spektakel staunend und auch erschrocken. Was tun? Ich drehte mich zu meinen Kindern und sagte: Wisst ihr, ich habe jetzt mehrere Möglichkeiten. Ich kann mir anhören, was der Mann zu mir sagt und wie er es tut und ich kann mich sehr darüber aufregen und mit ihm streiten. Ich kann aber auch mal hinhören, was er eigentlich sagt, nämlich über sich selbst. Ich übersetze euch das mal. Eigentlich sagt er nämlich: „Ich bin fertig mit den Nerven! Seit einer Ewigkeit hänge ich hier fest und komme nicht vom Fleck. Ich halte das nicht mehr aus! Ich bin derart fix und fertig, dass ich nicht mehr in der Lage bin, mich auch nur ansatzweise an normale Umgangsformen, geschweige denn minimalste Formen der Höflichkeit, zu halten! “ Das sagt er eigentlich. Und ich habe jetzt die Wahl. Ich kann entscheiden, ob ich höre, was er mir an den Kopf wirft, oder ob ich höre, was er eigentlich über sich sagt. Und ich habe die Wahl, ob ich darauf eingehe und mich mit ihm auseinandersetzen will, oder nicht. Es gibt Situationen, da ist es wichtig, darauf einzugehen und auch, sich zur Wehr zu setzen. Hier jetzt habe ich allerdings gar kein Interesse daran, den Kontakt zu vertiefen. Ich denke, ich werde es lassen.
Das leuchtete meinen Kindern ein. Gemeinsam bedauerten wir die miserable Laune des armen Mannes sowie unser gemeinsames Schicksal in dem Verkehrschaos und waren uns einig, dass wir kein Interesse an einer Vertiefung des Kontaktes hatten.

Das „grüne Ohr“ – das Selbstkundgabe-Ohr – setzt den Fokus darauf, was ein Mensch über sich selbst zum Ausdruck bringt: Was ist mit ihm los? Wie ist er gestimmt? Dieser Fokus kann helfen, sich in eskalations-verdächtigen Situationen weniger angegriffen zu fühlen. Es kann helfen, Abstand zu gewinnen und sich bewusst für eine Reaktion zu entscheiden, anstelle in (ggfs. ungünstigen) Reaktions-Automatismen zu landen – was sehr leicht passiert, wenn ich überwiegend mit dem „gelben“ Beziehungs-Ohr höre, nämlich: „Was sagt der andere über mich? Was hält er von mir, wenn er so mit mir spricht?“. Das „grüne Ohr“ kann sowohl der Deeskalation dienen als auch der eigenen Wehrhaftigkeit. Ziel ist dabei nicht, sich unberührbar und unangreifbar zu machen oder gar taub für jegliche Form der Kritik und Auseinandersetzung, sondern die Wahlfreiheit zu erlangen, ob man auf „Konflikt-Angebote“ eingeht oder auch nicht. „Pick your battles“ heißt eine Empfehlung. Entscheiden Sie, welche Konflikte Sie austragen wollen und auch, ob Sie überhaupt einen Konflikt haben. Um diese Wahlfreiheit und Souveränität zu erlangen, kann das „grüne Ohr“ entscheidend helfen. Und es kann trainiert werden, um im „Ernstfall“ einsatzfähig zu sein.

Möglichkeiten zur Vertiefung dieses und weiterer Themen finden Sie an unseren Impulstagen.

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