Kommunikations-Impulse für den Alltag

Lassen Sie sich von kurzen Beiträgen unserer Dozentinnen und Dozenten rund um die Kommunikationspsychologie inspirieren!

Ein Impuls von Doris Röschmann

„Psychologik“ oder die Kraft von Glaubenssätzen

Gut erholt, entspannt und von der Sonne verwöhnt saß ich im Flieger nach Hamburg. Kaum dockte die Maschine am sogenannten „Finger“ an, sprangen alle Fluggäste von ihren Plätzen am Gang auf, um ihre Utensilien aus den Gepäckfächern über die Köpfe der anderen Passagiere so zu balancieren, dass niemandes Kopf dabei lädiert würde. Ich saß am Fenster und konnte also während des Starts und der Landung den Blick auf zwei sehr schöne Städte, nämlich Venedig und Hamburg, genießen.
Die Passagiere der vorderen Sitzreihen begannen sich in Richtung Ausgang zu bewegen. Ich freute mich, gleich an der Reihe zu sein und auch aufstehen zu können, denn mit meinen langen Beinen ist das beengte Sitzen unbequem. Da bemerkte ich, wie es im Gang hinter mir unruhig wurde. Als ich mich umsah, registrierte ich einen Mann mittleren Alters: Obwohl es im Gang keinerlei Platz mehr gab, wollte er sein Handgepäck aus dem Fach einige Reihen vor sich herausholen. Er hatte es offensichtlich besonders eilig.
Ich merkte eine Regung in mir aufwallen, sein Drängeln zu unterbinden und wurde unruhig. Da ich eine Reihe vor ihm saß, tat ich alles, um mich ihm in den Weg zu stellen: Just, als er vorbeidrängeln wollte, arbeitete ich mich flott von meinem Fensterplatz in den Gang und stand vor ihm. Dort holte ich – extra bedächtig, wie ich leider zugeben muss - mein Gepäck aus dem Fach und ging gemächlich Richtung Ausgang. Der Triumph meines gelungenen Manövers hielt nur kurz. Schnell wich die Freude einem Gefühlsgemisch aus Scham, Verwunderung und Ärger über mich selbst: „Was sollte denn das, Doris?“

Und die Moral von der Geschicht? Mein Ärger über den Drängler war eindeutig „drüber“. Das sah nicht nur ich als selbstreflektierte Psychologin, das bestätigte mir auch meine Tochter, die mein Verhalten auf den Punkt brachte: „Unnötig, Mama.“
Nachdem der Scham über meine Aktion sich gelegt hatte, folgte eine interessierte Selbsterkundung: Es musste doch einen Grund gegeben haben, dass ich entgegen meinem Selbstbild (nämlich gelassen und gut erholt zu sein), dieses Manöver gefahren habe. Die Zeitersparnis kann es nicht gewesen sein, spätestens am Gepäckband trifft man sich sowieso wieder. Es wäre eh ein hilfloser Versuch einer rationalen Erklärung für ein irrationales Verhalten gewesen. Also forschte ich weiter: „Hab ich mich so geärgert, weil er sich nicht an die Regeln hält?“ Das ist ein naheliegender Grund, denn ich finde es in der Tat ärgerlich, wenn sich Einzelne auf Kosten Anderer einen Vorteil verschaffen.

Aber erklärt das das Ausmaß meines Ärgers? Ergebnis meines inneren Plausibilitätschecks: Das allein kann es nicht gewesen sein. Es gibt zwar keinen objektiven Maßstab für angemessenen Ärger. Wir alle haben aber eine Art „inneren Plausibilitätsmesser“, der uns anzeigt, wenn ein Gefühl „drüber“ ist, also unverhältnismäßig in seiner Stärke, nicht passend zur Situation.

Weiter ging also die Selbsterforschung: „Warum habe ich mich so sehr geärgert?“ Nach und nach dämmerte es mir: Ein geregeltes Aussteigen aus dem Flugzeug gibt mir die Sicherheit zu wissen, wann ich an der Reihe bin. Wenn sich nun aber ein Drängler nicht an diese Regeln hält, macht sich bei mir Ärger breit, denn ich kann nicht mehr auf die Einhaltung der Regeln vertrauen und muss um meinen Platz kämpfen.

Treffer! Mein Glaubenssatz: „Ich muss um meinen Platz kämpfen“ vermittelt sich in dieser Situation als deutlicher Ärger. Dieser Ärger versorgt mich – ob angemessen oder nicht - mit Energie, um für meinen Platz zu kämpfen. Nun verstand ich mich und meinen unverhältnismäßig starken Ärger.

Ein weiteres Mal staunte ich über die „Psychologik“, die mir wie ein Filmtrailer einige uralte Erinnerungen präsentierte, in denen ich um meinen Platz und meine Rolle in einem Team kämpfen musste. Diese Erfahrungen, lange vorbei und vermeintlich vergessen, wurden aber genau in dieser Situation als Gefühl hochgespült. Erst durch die Suche nach der inneren Logik dieses vordergründig übertriebenen Gefühls konnte ich die Verbindung zu früheren, vor allem schmerzlichen, Erfahrungen wiederherstellen.
Inzwischen habe ich in diversen Gruppen meinen Platz – auch ohne Kampf – gefunden. Dank dieses Vorfalls, so unbedeutend er einem auch erscheinen mag, konnte ich bewusst einen neuen Glaubenssatz formulieren: „Mein Platz ist sicher“.

Glaubenssätze sind subjektive Überzeugungen, an die wir glauben, ohne es zu merken. Sie sind unbewusste Gefühls- und Gedankenmuster und geben uns Handlungsanleitungen, wie z.B. „Ich muss mir meinen Platz erkämpfen“. Haben wir uns die eigenen Glaubenssätze bewusst gemacht, lassen sie sich als innere Teammitglieder identifizieren, mit denen wir bewusst umgehen können.

Mein neu erkanntes Teammitglied habe ich als „die Integrationsbeauftragte“ identifiziert. Besonders im Team-Coaching ist sie mir eine große Hilfe: Wenn es darum geht, dass jeder auf seinem Platz nicht nur wirksam sein kann, sondern auch und vor allem sich seines Platzes sicher fühlen darf.

Hier endet meine Geschichte und hier beginnt vielleicht Ihre? Wenn Sie neugierig geworden sind, sich selbst und Ihre Glaubenssätze zu erforschen, achten Sie einmal darauf, wann Ihnen eines Ihrer Gefühle in einer Situation übermäßig erscheint. Und wenn Sie es nicht selber einschätzen können: Ihre Liebsten Zuhause oder Ihre Kollegen im Büro werden es Ihnen gerne sagen.

In dem Impulstag am 11.12.2018 "Die Psycho-Logik von Glaubenssätzen" haben Sie die Möglichkeit, Ihren eigenen inneren Glaubenssätzen auf die Schliche zu kommen und erste Schritte für einen konstruktiven Umgang mit ihnen zu gehen.

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