Der aktuelle Lesetipp

Welches Buch hat uns gefallen, inspiriert, zum Nachdenken angeregt?

Eine Rezension von Friedemann Schulz von Thun

Safi Nidiaye: Gefühle sind zum Fühlen da. Das Handbuch vom positiven Umgang mit negativen Emotionen. Integral Verlag, 2017

Gefühle können einem zu schaffen machen – besonders die negativen! Und doch ist es weder möglich noch erstrebenswert, sie abzuschaffen. Wie können wir mit ihnen umgehen, mit ihnen fertig werden – oder noch besser: Was können wir mit ihnen anfangen? Dies sollte eigentlich zur Allgemeinbildung gehören. Erdkunde stand auf dem Stundenplan, Gefühlskunde aber nicht, wir müssen nachsitzen! Mit dem Buch von Safi Nidiaye kann das aber gut gelingen!

Wir lernen: Gefühle wollen erstens erkannt werden. Manchmal ist das leicht, zuweilen aber auch schwer, wenn gemischte Gefühle einen Klumpatsch bilden, ein Konglomerat. Wenn ich zum Beispiel gleichzeitig belustigt und gekränkt bin, wenn mich jemand veräppelt hat, dann wird innerlich weder das eine noch das andere wirklich prägnant. Einem Gefühl, das in der Gemengelage untergeht, ist schwer beizukommen. – Gefühle wollen zweitens auch benannt werden, und zwar treffend. Was passt besser: Ärger, Empörung, Wut, Hass, Verachtung? Fühle ich mich traurig, verlassen, wehmütig, entmutigt? Erst wenn der Name stimmt, entsteht innere Prägnanz. Gefühle wollen drittens akzeptiert werden, und zwar als Gefühle, nicht als Tatsachen oder Realität. Daher der Titel des Buches: Gefühle sind zum Fühlen da. Hier kommt ein zentraler Gedanke des Ansatzes von Safi Nidiaye zum Tragen: Gefühle brauchen etwas (zum Beispiel Beachtung, Anerkennung, Erlaubnis – sog. Herzensschlüssel), und zwar von einer tiefen Instanz des Inneren Selbst, die sich aus der Identifikation mit dem Gefühl gelöst haben muss, um es sodann wohlwollend ins Herz schließen zu können. Dieser Gedanke hat Ähnlichkeit mit der inneren Willkommenskultur, die das Oberhaupt des Inneren Teams stiftet. Viertens wollen und können Gefühle erforscht werden. Das negative Gefühl: Was bringt es mir? Welchen Vorteil bringt es mit sich? Zum Beispiel kann mir Empörung ein Gefühl von moralischer Überlegenheit verschaffen, was durchaus angenehm ist. Dies kann der Grund sein, warum ich so an diesem Gefühl hänge und wieder und wieder von ihm heimgesucht werde - Christoph Thomann spricht von „negativen Lieblingsgefühlen“. Eine andere Frage: Welches andere Gefühl B steckt noch dahinter, so dass Gefühl A es mir erspart, den Schmerz von B empfinden zu müssen? Dies hat Ähnlichkeit mit den „inneren Feuerlöschern“ von Richard Schwartz. - Und nicht zuletzt: Welche Sehnsucht wird im Gefühl erkennbar? Zitat: „Halten Sie Ausschau nach der Sehnsucht, die Sie vergraben haben, weil Sie dachten, dass ihre Erfüllung unmöglich sei. Graben Sie diese Sehnsucht aus, unabhängig von der Frage, ob sie realistisch ist oder nicht. Sehnsucht ist ein Gefühl – mehr als das, es ist das zentrale Gefühl, in dem sich Ihre Seele in Ihnen ausdrückt. Erlauben sie diesem Gefühl, in Ihrem Herzen zu leben…“ (Seite 227).

Soweit ein paar übergreifende Prinzipien. Aber in dem Buch kommt jedes Gefühl dran und wird auf seine Besonderheiten hin untersucht, mit vielen Beispielen aus dem gelebten Leben der Autorin und ihrer Klienten/innen, mit wohltuend dezenten Kunstillustrationen ihres Lebenspartners Francis Gabriel. - Ist das nicht Psychotherapie, ein Buch für Psychotherapeuten? Gewiss, wenn jemand aufgrund biografischer Vorverletzungen in unliebsamen Gefühlen feststeckt, sodass diese ihn oder sie fest und massiv im Griff haben, dann lohnt eine psychotherapeutische Aufarbeitung. Aber wir wollen und sollen unsere Gefühle nicht den Psychotherapeuten überlassen! Im Coaching und Selbstcoaching werden sie immer eine Rolle spielen, und das ist gut so! Hauptsache, man weiß etwas damit anzufangen!

Das Buch ist allgemeinverständlich geschrieben, menschlich genau auf den Punkt. Es ist für unsere Arbeit als Coach wichtig und für unser Leben als Mensch auch. Ich habe es gern und mit Gewinn gelesen, auch als Bereicherung für die Arbeit mit dem Inneren Team – es tun sich viele Parallelen auf.

Zum Hintergrund dieser Rezension

Ich bin hier kein ganz unbefangener Rezensent. Mich verbindet mit Safi Nidiaye ein frühkindliches Schicksal. 1952, sie war eins und ich acht Jahre alt, lebten wir ein Jahr lang zusammen und sollten Stiefgeschwister werden. Letztlich wurde daraus nichts, und das kleine Mädchen verschwand wieder aus meinem Leben. Erst fast 60 Jahre später fragte ich mich, ob sie wohl noch lebte und was aus ihr geworden sein mochte. Mit professioneller Hilfe ließ ich nach ihr forschen – und siehe da, sie lebte, unter einem völlig anderen Namen und in Südfrankreich. Und sie hatte viele erfolgreiche Bücher geschrieben, die Körperzentrierte Herzensarbeit entwickelt, und war auf einem östlichen Weg eine weise Frau geworden. Im Jahr 2014 haben wir uns wieder gesehen und zum zweiten Mal kennengelernt.

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