Seit dem Siegeszug von KI haben sich viele von uns – mehr oder weniger ernsthaft, mit mehr oder weniger Sorge – gefragt, ob und inwiefern die eigene professionelle Rolle künftig von KI übernommen werden könnte. Wir auch.
Gerade in Coaching, Training und Beratung meldet sich dabei in uns ein klarer Einspruch: Auf keinen Fall darf KI die Begegnung von Mensch zu Mensch ersetzen! Doch damit ist die Frage noch nicht beantwortet. Entscheidend ist: Warum eigentlich nicht?
Niemand kann vorhersagen, welchen Weg die Koexistenz von KI und Menschheit – oder Menschlichkeit – nehmen wird. Es gibt Szenarien, die gruselig sind und unser Selbstverständnis infrage stellen. Zugleich vertreten viele Expert:innen eine optimistische Sicht: KI werde uns zwingen, im Beruf „menschlicher“ zu werden, weil sie uns all das abnimmt, wofür es keinen Menschen braucht. Die sogenannten Soft Skills würden so zu Hard Skills werden – weil sie uns unverzichtbar machen.
Doch stimmt das?
Ist KI nicht vielleicht sogar menschlicher als wir?
Denn auch KI beherrscht diese Soft Skills inzwischen in beeindruckendem Maße. Sie ist enorm empathisch – zumindest klingt sie so. Sie kann Beziehung so überzeugend simulieren, dass Menschen emotionale Bindungen zu ihr eingehen. Nicht zufällig gehören Beziehungs- und persönliche Fragen zu den häufigsten Anwendungsfeldern von ChatGPT.
Was also ist der Unterschied?
Die Therapeutin und Autorin Stefanie Stahl bringt es so auf den Punkt: KI funktioniert über Berechnung, Therapie über Beziehung. Aber ist das wirklich ein scharfer Gegensatz? Ist Empathie, Beziehung und Anteilnahme, die „nur“ simuliert wird, grundsätzlich weniger wert als real gespürte menschliche Anteilnahme?
Für uns lautet die Antwort: ja.
Und im Folgenden möchten wir am Beispiel des Coachings erläutern, warum – auch wenn Coaching-Anliegen bereits heute in vielen Fällen von KI übernommen werden.
Warum es menschliches Coaching weiterhin braucht
KI ist im Coaching bereits weit entwickelt. Es gibt Systeme, die klassische Coaching-Fehler wie den Confirmation Bias vermeiden, keine vorschnellen Ratschläge geben und stattdessen konsequent mit Fragen arbeiten. Sie können konfrontieren, Perspektivwechsel anregen und Reflexionsprozesse strukturieren – oft sehr präzise.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in etwas, das KI auch mit ausgefeiltester Programmierung nicht leisten kann: reale Beziehung.
Damit stellt sich die zentrale Frage: Was hat eine reale Beziehung einer simulierten Beziehung voraus?
Im menschlichen Coaching entsteht eine beidseitige professionelle und persönliche Beziehung. Sie bildet den Raum, in dem das dialogische Credo wirksam wird: Die Wahrheit beginnt zu zweit.
Coaching lebt dabei nicht nur von Perspektivvielfalt, sondern von Resonanz.
Diese entsteht, wenn sich der Coach wirklich einlässt und sich berühren lässt. Es entsteht ein Widerhall im Coach, der nicht nur ein Echo der Worte des Coachees ist, sondern eine Antwort, die etwas von der eigenen Person des Coaches enthält. Aus dieser Resonanz heraus entsteht ein Drittes: ein gemeinsamer Beziehungsraum, in dem sich Lösungen auftun und Entwicklung möglich wird. Wie Friedo beschreibt, verdankt Coaching seine Wirkung daher nicht allein der Methodik, sondern vor allem der Qualität der menschlichen Beziehung – getragen von Wertschätzung, Authentizität, Empathie und Ermutigung.
Der KI fehlt dieser Resonanzraum
KI hat keine eigene Betroffenheit, keine leibliche Resonanz, keine persönliche Haltung. Ihre Antworten beruhen auf Berechnung und Wahrscheinlichkeit. Der Austausch bleibt ein dialogischer Denkprozess: hilfreich, aber von anderer Qualität.
Erst in der realen Beziehung werden Wirkungen, Spannungen und unbewusste Beziehungsmuster unmittelbar spürbar – und damit bearbeitbar. Der innere Widerhall, den ein Coach dabei erlebt, ist eine zentrale Informationsquelle, insbesondere bei Anliegen, die Beziehung betreffen: zu sich selbst oder zu anderen.
Gerade bei komplexen Coachingthemen ist diese reale Beziehung unverzichtbar. Sie schafft einen Erfahrungsraum, in dem Wirkung nicht nur gedacht, sondern erlebt wird.
Unser Fazit: KI kann Coaching unterstützen. Kognitive und emotionale Durchdringung sowie nachhaltige Entwicklung entsteht dort, wo Beziehung erlebt wird. Und Beziehung braucht Menschen.
Für Unternehmen, die Coaching auch in Zeiten von KI bewusst menschlich gestalten wollen, bietet unsere Coaching-Plattform einen qualitätsgesicherten Rahmen für professionelle, beziehungsorientierte Entwicklungsprozesse durch eigens ausgebildete und ausgewählte Coaches. Informiere dich gern oder sprich uns an: maxiesvt@schulz-von-thun.de
Für (angehende) Coaches, die diese Haltung fundiert erlernen und vertiefen möchten, ist unsere Coachingausbildung eine Einladung, Coaching als dialogische Beziehungsarbeit von Grund auf zu verstehen und zu erlernen. Nächste Startmöglichkeit: April 2026. Bei Fragen und Beratungsbedarf freuen wir uns auf deine Nachricht: r.aicher@schulz-von-thun.de