Unser aller Denken ist vorurteilsbehaftet – Kopf hoch!

Ein Plädoyer fürs Hinsehen und Auseinandersetzen

Unser Gehirn generalisiert. Es baut sich Schubladen, damit wir den Alltag bestehen und handlungsfähig bleiben können. Ohne diese Vereinfachung wären wir überfordert: Wir müssten jeden Menschen, jedes Objekt, jede Situation immer wieder neu einordnen.

Dieses Mustererkennen ist hilfreich, hat jedoch auch eine Schattenseite: Unconscious bias. Denn die Schubladen, die uns das Leben erleichtern, führen auch dazu, dass wir Menschen voreilig bewerten – und dabei nicht selten ungerecht behandeln.

Die meisten Menschen möchten fair urteilen, Menschen gleich behandeln und objektiv entscheiden. Die Realität sieht jedoch anders aus: Unconscious biases – unbewusste Denkmuster – prägen unsere Wahrnehmung und unser Handeln. Ob im Beruf oder im Alltag: Wir bevorzugen Menschen, die uns ähnlich sind, vertrauen bekannten Stimmen stärker oder suchen nach Informationen, die unsere Überzeugungen bestätigen.

Unconscious bias wirkt deshalb so mächtig, weil unser Gehirn gern Abkürzungen nimmt: Kahneman spricht von System 1 – schnell, intuitiv, aber anfällig für Stereotype. Das reflektierte System 2 könnte korrigieren, doch es ist oft träge oder bequem.

Solche Abkürzungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Auch die Sprache in Alltag und Medien prägt unsere Denkmuster: Wenn in Berichten über Prominente bei Frauen häufiger das Aussehen betont wird, während bei Männern die beruflichen Leistungen im Vordergrund stehen; wenn in der Sportberichterstattung von „Frauenfußball“ die Rede ist, bei Männern jedoch schlicht von „Fußball“; oder wenn bei Straftaten die Herkunft von Täter:innen vor allem dann erwähnt wird, wenn es sich nicht um deutsche Staatsangehörige handelt – dann verfestigt sich unbewusst ein Bild, das Vorurteile nährt.

Deshalb braucht es bewusste Gegenmaßnahmen. Vier Schritte können dabei helfen:

Natürlich können wir die vier Schritte nicht in jeder Begegnung durchspielen. Doch wenn es darauf ankommt – etwa bei Beförderungen – können sie den Unterschied machen.

 

Unconscious bias ist nicht nur ungerecht, sondern manchmal auch wirklich gefährlich: Er befeuert Fehlentscheidungen in Unternehmen, Alltagsrassismus, stereotype Geschlechterrollen, die Verbreitung von Fakenews, Polarisierung und Spaltung – und nicht zuletzt auch den Aufstieg populistischer Parteien. Biases wie ingroup-/outgroup-Denken, negativity bias oder der Bestätigungsfehler machen es leicht, einfache Feindbilder zu zeichnen und Ängste zu mobilisieren – und erschweren differenzierte Debatten.

Realistischer Idealismus: Ein Wertequadrat gegen Schockstarre

Die Erkenntnis, dass niemand frei von biases ist, kann ernüchtern. Manche reagieren mit Resignation („Dann ist es eben so“) oder mit dem Anspruch naiver Perfektion („Ich darf keine Vorurteile haben“). Hier hilft das Werte- und Entwicklungsquadrat: Zwischen diesen Polen eröffnet sich eine konstruktive Haltung – der realistische Idealismus.

  • Realistisch: Wir akzeptieren, dass biases unausweichlich sind.
  • Idealistisch: Wir setzen uns trotzdem dafür ein, faire(re) Entscheidungen zu treffen.

Diese Haltung schützt uns vor Schockstarre und Zynismus – und motiviert dazu, kleine, aber wirksame Schritte zu gehen: die eigenen Muster beobachten, Bewertungen hinterfragen und bewusst neue Perspektiven einbeziehen.

Unser Fazit

Unconscious bias verschwindet nicht einfach. Doch wenn wir verstehen, wie unsere inneren Anteile und Werte wirken, gewinnen wir Handlungsfähigkeit zurück. Statt Opfer unserer Muster zu bleiben (und so unwillentlich andere zu Opfern unseres Schubladendenkens zu machen), können wir im Sinne eines realistischen Idealismus Verantwortung übernehmen – und Räume schaffen, in denen mehr Fairness und Vielfalt möglich werden. Angesichts der aktuellen gesellschaftspolitischen Lage scheint das gerade jetzt besonders wichtig zu sein.

Und wenn du Interesse hast, weiterzudenken: Am 11. Dezember 2025 laden wir dich herzlich zum Online-Impulstag kompakt „Unconscious Bias – Denkanstöße für den (Berufs-)Alltag“ mit Anna Fuchs ein.

Drei kompakte Stunden, in denen du eigene Denkmuster unter die Lupe nehmen, Strategien gegen Verzerrungen ausprobieren und dich mit anderen über Erfahrungen austauschen kannst. Keine Patentrezepte – aber jede Menge Anregungen und vielleicht der ein oder andere Perspektivenwechsel.

Für Führungskräfte gibt es zudem ein eigenes Format: Am 1. Dezember 2025 findet der Online-Impulstag „Inklusive Führung“ statt. Hier geht es darum, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich alle Mitarbeitenden zugehörig und wertgeschätzt fühlen. Neben praktischen Strategien helfen das Innere Team und das Kommunikationsquadrat, automatische Voreingenommenheit zu erkennen, Mikroaggressionen entgegenzuwirken und psychologische Sicherheit im Team zu fördern.

Zurück