Zur Person Schulz von Thun

„Was – der lebt noch?“ hören wir oft. Die meisten Autoren und Dichter aus dem Deutschunterricht sind schon lange tot. Schulz von Thun, Jahrgang 1944, ist jedoch an der Universität Hamburg gerade erst pensioniert.

Zu seiner Person hier gleich das Wichtigste in Kürze. Eine ausführliche Vita finden Sie hier:

Lebenslauf Prof. Schulz von Thun PDF - 158 kB

Wenn Sie sich noch genauer für seine Entwicklung als Wissenschaftler, Trainer und Autor interessieren, dann finden Sie ein ausführliches Selbstinterview im Rowohlt-Taschenbuch „Miteinander reden – Fragen und Antworten“ (2007), S. 141 – 197.

Seine Bewusstseinsentwicklung speziell als „Trainer“ finden Sie dargestellt in dem Artikel „Bin ich ein Trainer!?“ in: Schulz von Thun und Kumbier (Hs): Impulse für Führung und Training (2008), S. 163 – 203.

Werk und Wirken: Das Wichtigste in Kürze.

Friedemann Schulz von Thun (*1944) studierte in Hamburg Psychologie, Pädagogik und Philosophie (Diplom 1971) und promovierte bei Reinhard Tausch und Inghard Langer über Verständlichkeit bei der Wissensvermittlung (1973). Die Erkenntnisse aus dieser Forschung haben sich auf seine Art, Vorlesungen zu halten und Bücher zu schreiben, stark ausgewirkt. Sein weiterer beruflicher Werdegang ist durch zwei parallele Wege gekennzeichnet. Der wissenschaftliche Weg führte über die Habilitation (1975) zu der Berufung auf eine Professur für Pädagogische Psychologie in Hamburg (1976 – 2009). Der praktische Weg bestand in der Konzeption und Durchführung von Kommunikationstrainings für Lehrer und Führungskräfte, später für Angehörige aller Berufsgruppen (1971 bis heute).

Anfangs gingen der Professor (Theorie, Forschung, Wissen) und der Trainer (Praxis, Anwendung, Können) getrennte Wege, aber nach und nach taten sie sich zusammen. So entstand eine anwendungsfreudige und lebensnahe Kommunikationspsychologie auf der Grundlage von Modellen und Methoden.

Die Kommunikationspsychologie nach Schulz von Thun hatte ursprünglich mehrere Inspirationsquellen. Anfangs die Sprachpsychologie Karl Bühlers und die Kommunikationstheorie Paul Watzlawicks, sodann mehr und mehr die Humanistische Psychologie. Erkenntnisse von Carl Rogers über die Bedingungen zwischenmenschlicher Kommunikation, die eine heilsame Entwicklung der Persönlichkeit befördert, standen schon ganz am Anfang, denn Reinhard Tausch begründete die Gesprächspsychotherapie von Rogers in Deutschland. Auch die Individualpsychologie Alfred Adlers gehört zu den frühen Prägungen der Schulz von Thun’schen Kommunikationspsychologie. Diese wurde zuerst 1977 und dann im Rowohlt-Taschenbuch „Miteinander reden – Störungen und Klärungen“ (1981) veröffentlicht, in Gestalt des „Kommunikationsquadrates“ und den „vier Schnäbeln“ und „vier Ohren“. Dieses Buch und dieses Modell gelten heute als Klassiker, mit einer Auflage von 1,3 Millionen und mit großer Verbreitung nicht nur in der beruflichen Weiterbildung, sondern auch schon im Deutschunterricht der Schulen. Entstanden war diese Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation ursprünglich Anfang der siebziger Jahre im Rahmen von Trainingskursen für Führungskräfte der Deutschen BP, in Co-Leitung mit Bernd Fittkau und Inghard Langer (ebenfalls Schüler von Reinhard Tausch).

Eine weitere Lehrzeit bei Ruth Cohn (1912 – 2010) begann 1977 in der Schweiz. Diese Lehrzeit hatte einen zweifachen Einfluss auf die Kommunikationspsycho-logie: zum einen die Erkenntnis, dass gute Kommunikation einen guten Zugang zum „inneren Menschen“ erfordert und dass Authentizität die Frucht einer gelungenen Selbstklärung ist. Aus dem Kommunikations-„Trainer“ wurde nun zunehmend auch ein Selbstklärungshelfer. Zum zweiten die Bedeutung einer guten Gruppenleitung, das virtuose Zusammenspiel von „Thema“ (Es), „Einzelner“ (Ich) und „Gruppe“ (Wir) betreffend. Kommunikation wird am besten in Gruppen gelehrt und trainiert, vorausgesetzt die konstruktiven Kräfte gewinnen in der gruppendynamischen Entwicklung die Oberhand. Dies hängt auch und nicht zuletzt vom Leiter ab, und Ruth Cohns Methode und System der TZI („Themenzentriertes Interaktionelles System“) bietet ein geniales Konzept, um Gruppen zu leiten, so dass eine tragende Atmosphäre von Offenheit, Lebendigkeit und Unterstützung entstehen kann.

Eine jahrzehntelange Zusammenarbeit und Freundschaft mit zwei Schweizern, beide aus der Schule Ruth Cohns kommend, half den Geist und den Stil der Hamburger Kommunikationspsychologie weiter auszuprägen: zum einen Hans Näf (Basel), der als Lehrbeauftragter für TZI an die Universität Hamburg kam und mit Schulz von Thun als Co-Leiter zusammen arbeitete. Zum anderen Christoph Thomann (Bern), der als Paarberater arbeitete und die Persönlichkeitstheorie von Fritz Riemann („Grundformen der Angst“) nutzte, um die Paardynamik zu erhellen und den Beteiligten zu erklären (Riemann-Thomann-Modell). Aus der langjährigen Zusammenarbeit mit Christoph Thomann erwuchs 1988 der erste Band der „Klärungshilfe“ (1988), dem Handbuch für Konfliktmoderatoren. Diese Methode erlangte maßgeblichen Einfluss auf die Mediationsbewegung im deutschsprachigen Raum. Sie wurde von Thomann weiterentwickelt: Band 2 und 3 der Klärungshilfe erschienen 1998 und 2007.

Inspiriert u.a. von Riemann und Thomann erschien 1989 der Band 2 von „Miteinander reden“. Hier werden die menschlichen Unterschiede ins Auge gefasst und 8 Kommunikationsstile unterschieden. Dieser Band enthält für die Kommunikationspsychologie zwei wichtige Innovationen. Zum einen übernimmt Schulz von Thun von Helwig das „Wertequadrat“ und baut es zum „Entwicklungsquadrat“ aus. Je nach vorhandenem Potential kann nun die individuelle Entwicklungsrichtung genauer bestimmt werden (Was der eine zur Erweiterung seiner Persönlichkeit dringend braucht, hat vielleicht der andere schon „des Guten zu viel“). Zum zweiten wird der humanistischen Perspektive (Entwicklung des Individuums hin zur Selbstverwirklichung) eine „systemische“ Perspektive zur Seite gestellt: Je nach Beziehung können „Teufelskreise“ entstehen, die mehr beziehungsspezifische als persönlichkeitstypische Formen annehmen können. Das Modell des Teufelskreises war eine Erntefrucht der Forschung zur Klärungshilfe. Erstmalig wurden dort Verhaltensweisen und innere Reaktionen sichtbar zueinander in Beziehung gesetzt.

Das war der Anbeginn eines Versuches, das humanistische und das systemische Denken miteinander zu verbinden. Somit lässt sich sagen, dass der Kommunikationspsychologie von Schulz von Thun ein humanistisch-systemisches Menschenbild zugrunde liegt: der Mensch ist immer zugleich „Teil eines Ganzen und selbst ein Ganzer“! Diesen Gedanken hat Helm Stierlin so formuliert: Es komme (für den Therapeuten) darauf an, „das System im Menschen und den Menschen im System“ gleichzeitig zu betrachten. Das System im Menschen? Ja, der innere Mensch ist auch ein Systemresultat, insofern in ihm mehrere „Seelen in seiner Brust“ wohnen, welche miteinander (und gegeneinander) eine gruppendynamische Spannung aufbauen. Die Erkenntnis, dass Kommunikation stark von dieser „inneren Pluralität“ bestimmt ist und das gute Kommunikation die Frucht einer gelungenen Integration dieser Mit- und Gegenspieler ist, führte 1998 zum Band 3 von “Miteinander reden: Das Innere Team“. In diesem Band wird nun auch die Lehre von der „Stimmigkeit“ der Kommunikation, die bereits 1981 im ersten Band anklingt, deutlicher ausgearbeitet. Im Idealfall sei deine Kommunikation stimmig, und das heißt: wesensgemäß und situationsgerecht! Und das wiederum heißt etwas ausführlicher: Deine Kommunikation sei in zweifacher Übereinstimmung – erstens mit dir selbst (selbstkongruent oder authentisch, aber Achtung: du bist mit dir selbst nicht ein Herz und eine Seele, der innerlich zerstrittene Haufen muss erst noch zum Inneren Team werden!) und zweitens mit „der Wahrheit der Situation“. Diesen Begriff hat Schulz von Thun von Karin von der Laan übernommen. Da die Situation systemisch eingebettet ist, kommen in der Lehre von der Stimmigkeit das humanistische und das systemische Denken erneut zusammen. Der Band 3 („Das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation“) enthält als sechstes und vorerst letztes Kommunikationsmodell ein → Situationsmodell mit vier Komponenten, mit dessen Hilfe man der „Wahrheit der Situation“ auf die Spur kommen kann. Die fünf anderen Modelle wurden bereits alle erwähnt: Kommunikationsquadrat, Riemann-Thomann, Werte- und Entwicklungsquadrat, Teufelskreis, Inneres Team.

Zusammen mit Alexander Redlich bot Schulz von Thun bis 2009 den Anwendungsschwerpunkt „Beratung und Training“ am Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg an. Ein Fazit seiner Zeit an der Uni Hamburg findet sich in seiner Abschiedsvorlesung Was ich noch zu sagen hätte…

Anfang der neunziger Jahre war die „Hamburger Kommunikationspsychologie“, wie sie auch genannt wurde, so weit ausgereift, dass Schulz von Thun sie auch für Coaches und Trainer außerhalb der Universität anbieten wollte. Dafür brauchte er gute Referenten und Trainer, die er überwiegend bei seinen ehemaligen Studierenden fand. Er gründete den „Arbeitskreis Kommunikation und Klärungshilfe“, ein Netzwerk freiberuflicher Psychologen. Seit 1991 gehören neben Christoph Thomann („Klärungshilfe“) ständig dazu: Stephan Bußkamp, Karl Benien („Beratung in Action“), Regine Heiland, Gabi Manneck, Johannes Ruppel („Miteinander reden für Führungskräfte“), Eberhard Stahl („Dynamik in Gruppen“) und Roswitha Stratmann („Miteinander reden für Führungskräfte“). Für verschiedene Zielgruppen wurden bisher drei Curricula konzipiert und angeboten: Für Trainer und Coaches (KBT ), für Multiplikatoren in Non-profit-Bereichen
(ZKP ) und für Führungskräfte (KuF ). Die Kursbausteine sind inzwischen sehr ausgereift. Typischerweise bestehen sie aus verständlichen und hervorragend visualisierten Vorträgen, Übungen, erlebnisaktivierenden Coachings in Gruppen sowie eine Reflexion des Prozessgeschehens im Geiste von TZI. Immer geht es um die gute Verbindung von professioneller und menschlicher Entwicklung. Der Trainerkreis erweiterte sich im Laufe der Jahre, etwa 25 Lehrtrainer arbeiten heute für das Schulz von Thun-Institut. Diese traten mehr und mehr auch als Autoren in der Reihe Miteinander reden – Praxis (im Rowohlt-Verlag) in Erscheinung, die Schulz von Thun seit 2001 herausgibt. Neue Themen und Entwicklungen spiegeln sich in den drei Impuls-Bänden für Beratung und Therapie (2008), für Training und Führung (2009) und für Kommunikation im Alltag (2010), herausgegeben zusammen mit Dagmar Kumbier. Neuere Erkenntnisse zu den drei Grundlagenbänden hat Schulz von Thun 2007 in einem Ergänzungsband „Miteinander reden – Fragen und Antworten” zusammengestellt.

Nach dem Ausscheiden aus der Universität konstituierte sich das Schulz von Thun-Institut in der Warburgstraße in Hamburg, jetzt auch in Kooperation mit seiner Frau Ingrid Schulz von Thun, die dort psychotherapeutisch mit dem Inneren Team praktiziert. Marcus Poenisch koordiniert dort die Projekte, die enge Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis blieb erhalten. Schulz von Thun leitet weiterhin Kurse, vor allem im Curriculum KBT (Kommunikations-Beratung und Training).

2012 würdigte die Universität St. Gallen Prof. Schulz von Thun im Rahmen des Dies academicus “als einen herausragenden Kommunikationsforscher, einen Autor mit Millionenauflage und eine Persönlichkeit, die sich in besonderer Weise um den Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Praxis verdient gemacht hat” mit dem Titel: Ehrendoktor – Dr.oec.h.c. (Doktor der Wirtschaftswissenschaften ehrenhalber).

Im Juni 2012 hat das Schulz von Thun Institut neue Räume in der Hamburger Rothenbaumchaussee bezogen.